Entwicklung
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Meine musikalische Vorbilder waren vor allem die Stones, Bob Dylan und
die Cream. Aber auch Bluesgitarristen wie Big Bill Broonzy oder John Mayalls
Bluesbreakers sind wichtige Bausteine in meiner Entwicklung. Nicht zu vergessen
Soulmusiker wie Otis Redding, Aretha Franklin, Wilson Pickett und wie sie
alle hießen... Literarisch prägten mich - als ich etwa mit
fünfzehn Jahren die Welt zu hinterfragen begann - Kurt Tucholsky und
Bert Brecht. Aber dass ich mit Walt Disneys Comics das Lesen gelernt und
als Bub Enid Blytons Abenteuerbücher und alle Karl May-Bände
verschlungen habe, wird wohl auch nicht ganz folgenlos geblieben sein...
Mit Karl Marx habe ich mich dagegen schwer getan, alleine seine Gedanken
zu "Entfremdung" haben das formuliert, was ich fühlte, aber nicht hatte
ausdrücken können. Marxist war ich zu keiner Zeit, wohl aber ein
Träumer, der die Welt friedlicher, sozialer und freisinniger machen
wollte. Ziemlich intensiv habe ich mich mit psychoanalytischen Autoren
beschäftigt, aber schon bald zur Lern- und Verhaltenstheorie gefunden,
der alte Skinner darf hier nicht übergangen werden. Philosophie
interessierte mich lange nur so weit, wie ich von ihr einen lebenspraktischen
Nutzen erhoffte. Zu Schopenhauer, Nietzsche und
Epikur fand ich erst in meinen vierziger
Jahren, als ich eigentlich schon alles getan und gesagt hatte, was mir wichtig
war. Gleiches gilt für Autoren wie Goethe, Hesse, Mann und Dostojevski,
von denen ich alles erreichbare gelesen habe. Schon in jungen Jahren aber
liebte ich Karl Valentin und Charlie Chaplin und schätzte die Gstanzl
vom Roider Jackl und vom Baumsteftenlenz. Sehr angeregt und im Mut zur Mundart
bestärkt haben mich auch Wiener Liederschreiber, wie Kreissler und der
alte Nestroy.
Mitte der Sechziger Jahre konnte ich nicht verstehen, dass sich in
Deutschland die Musik sprachlich quasi kastrierte und es nur noch
angloamerikanischen Singsang gab, denn kaum jemand verstand. Als ich 1966
meine ersten deutschen Lieder schrieb, getraute ich mir lange nicht
sie jemandem vorzuspielen, denn deutsche Folk-und Rockmusik galt damals als
absolut unmöglich. Erst als mich Studenten ermunterten meine Lieder
öffentlich vorzutragen, getraute ich mich 1969 als "Protestsänger"
(wie damals jeder, der sich sinnvolle Texte zu singen getraute, genannt wurde)
beim Zwieseler Jugenmusikfestival vor großem Publikum auf die Bühne,
wo mich die Lokalpresse den "grimmigen Helm" nannte. Im selben Jahr trat
ich auch noch im Steve-Club, einer Berliner Kleinkunstbühne auf, dann
bei der "Star-Chance 69" bei Dieter Thomas Heck in Frankfurt, und zum
Jahresschlußgottesdienst des Gymnasiums holte mich ein fortschrittlicher
Geistlicher aus meiner Glasbläserwerkstatt in die vollbesetzte Zwieseler
Stadtpfarrkirche, wo ich vorne am Altar mein allererstes eigenes Lied
vortragen durfte. (Text
mp3)
1970 flüchtete ich vor dem Kriegsdienst nach Westberlin (ich bin
Pazifist) und lebte ein paar Jahre in Kreuzberg, blies Lämpchen für
endoskopische Geräte und trat an den Wochenenden immer wieder mit meinen
Liedern in Kleinkunstbühnen und Jugendzentren auf. Ich hatte das Glück
kluge Freunde zu haben, die mich anregten mich mit humanistischen und sozialen
Themen aller Art zu befassen und so diskutierten wir oft nächtelang
über Politik, Psychoanalyse und Philosophie, mit der Konsequenz, dass
ich in der Fabrik kündigte und eine pädagogische und therapeutische
Ausbildung begann, denn Singen war das eine, die Welt humaner zu machen,
das andere. In dieser Zeit versuchte ich mich auch als Kinderbuchautor und
malte Bilderbücher, deren Veröffentlichung aber letztlich immer
an meiner Bereitschaft scheiterte, gewünschte inhaltliche oder formelle
Korrekturen durchzuführen.
1974 kehrte ich wieder in die geliebte Waldheimat zurück, verweigerte
den Kriegsdienst und betreute als Erzieher in einem Klosterinternat Gymnasiasten.
In dieser Zeit konnte ich auch selber vieles an Bildung nachholen und
künstlerisch wirken. Ich gab Musikunterricht, baute Theater- und
Musikgruppen auf und führte sie bis zur Auftrittsreife. In Zwiesel
kämpfte ich für ein Jugendzentrum und war eine Weile
Fachgruppenvertreter für die Sozialpädagogen in der GEW in Niederbayern
und wirkte beim Ortskartell des DGB mit, wo ich aber mit meiner idealistischen
Einstellung ein Fremdkörper blieb. 1977 flüchtete ich zum zweiten
Mal aus der Heimat, weil ich die Widersprüchlichkeit und die
Demokratiefeindlichkeit des Katholizismus nicht mehr aushielt. Ich fand
im Allgäu eine Stelle als Internatsleiter und betreute 15 Jahre lang
jugendliche Berufschüler. Es gelang mir das Internat zu einer Mischung
aus Jugendzentrum und kleiner Volkshochschule zu gestalten, mit einem Freizeit-
und Bildungsprogramm, das weit und breit einmalig war. Ich initierte
Heimleitertreffen auf bayerischer Ebene und wurde auch als Referent eingeladen
mein pädagogisches Konzept etwa in Dillingen, Lindau und Weihenstephan
vorzustellen.
Ende der siebziger Jahre trat ich aus der Katholischen Kirche aus,
weil sie mir zu unchristlich und inhuman war. Das Fass zum Überlaufen
brachte ein kirchliches Heiratsverbot für zwei körperlich
behinderte Menschen, die sich in ihren Handycaps prima ergänzten aber
keine Kinder kriegen konnten, was für Rom ein Hinderungsgrund für
die Ehe ist...
Ich war früher ein frommer katholischer Bub und engagierter
Pfadfinder, nach deren Regeln ich auch heute noch zu leben versuche.
Ich habe übrigens die Bibel zeitlebens immer wieder studiert, um
vielleicht doch irgend etwas zu finden, was dieser Welt helfen könnte.
Bis auf ein paar Gedanken in der Bergpredigt und beim Prediger bin ich
aber nicht findig geworden, im Gegenteil).
(siehe auch....)
Auch die Gewerkschaft verließ ich 1978, weil
Vertreter des DGB für Atomkraft und Rüstungsexporte eintraten und
unbeirrt mit ihren prozentualen Lohnforderungen die Einkommensschere immer
weiter auseinandertrieben.
Von dieser Zeit an suchte ich meine Lebensaufgabe
darin als unabhängiger Geist meine Mitmenschen mit kritischer Kunst
zum Nachdenken zu bringen. 1979 veröffentlichte ich meine erste
Langspielplatte im Selbstverlag und reiste als "renitenter bayerischer
Barde" zu Konzerten in ganz Süddeutschland, unter anderem lud man
mich dreimal zum Nürnberger Bardentreffen, wo ich 1983 und 1984
(für meine Verhältnisse) große Erfolge feiern konnte.
Fast jedes Jahr folgte eine neue musikalische Veröffentlichung,
ab 1983 auch immer wieder Büchlein, in
denen ich die Texte sammelte, die sich nicht singen ließen. Alles
was sich sprachlich nicht ausdrücken ließ, malte
und zeichnete ich, blies es in Glas oder formte es in Lehm. Viele
Jahre nahm ich bei der Kunstausstellung "Zwiesler Buntspecht" teil,
hatte auch Einzelausstellungen in Irsee (1980), Deggendorf (1983) und
Weißenstein (1985) und hielt immer wieder auch Vorträge über
philosophische Themen, vor allem zum Thema Arbeit und Lebenskunst.
Ab Anfang der achtziger Jahre wurden auch Presse und
Rundfunk auf mich aufmerksam und portraitierten mich immer wieder mal. 1985
wurde ich nach einem Auftritt im Stuttgarter Renitenztheater vom Fernsehen
eingeladen, was ich aber zu verschieben bat, weil ich gerade an diesem Wochenende
im Bayerischen Wald mit meiner Familie die Kartoffeln stecken wollte. Das
Fernsehen rührte sich nie mehr...
In Presseartikeln wurde ich als Aufklärer und
moralische Instanz beschrieben, also alles Attribute, die im kommerziellen
Musikgeschäft nicht vorkommen. Um meine Lieder nicht von merkantilen
Zwängen kastrieren zu lassen, produziere ich meine Schallplatten,
Bücher und CD bis heute im Eigenverlag, was kleine und kleinste
Stückzahlen bedeutet. Da ich aber meinen Brotberuf als Pädagoge
nie aufgab, konnte ich mir leisten ohne Gewinn zu arbeiten, es mußte
nur soviel wieder hereinkommen, um damit die nächste Produktion finanzieren
zu können und meine Familie nicht mit den Kosten zu belasten.
1992 folgte ich einem Ruf in meine alte Heimat und
baute in den folgenden zehn Jahren als Einrichtungsleiter den neuen Wohnbereich
der Lebenshilfe Regen mit auf. Wegen gesundheitlicher Probleme gab ich ab
Anfang der 90iger Jahre nur noch selten Konzerte und konnte ab 2002 auch
meine sozialpädagogische Arbeit nicht mehr fortsetzen. Lieder entstehen
aber bis heute, und auch als Autor und engagierter Kommentator- und
Leserbriefschreiber versuche ich mich immer wieder einzumischen. Meine Themen
sind noch immer die alten: Widerstand gegen Militarismus, Naturzerstörung
und Aufklärung über politische Hintergründe, die von den Medien
verschwiegen werden und Eintreten gegen jede Art von Dogmatismus,
Inhumanität und Behördenwillkür.
Sagte früher einmal ein Politiker, ich reiße
einem beim Streicheln schon die Haut auf, so habe ich mir heute das "Streicheln"
weitgehend abgewöhnt, denn das Leben ist zu kurz, um das, was man
zu sagen hat, noch in Zuckerwatte zu verstecken. Heute gelte ich deswegen
als ein politischer Prediger und sitze meist zwischen allen Stühlen.
Doch ist dies der einzige Platz, wo nach meiner Auffassung ein
"anständiger" Barde zu sitzen hat. Tatsächlich sind aber nur etwa
ein Drittel meiner mittlerweile über sechshundert Lieder in irgendeiner
Weise politisch, der überwiegende Teil handelt von anderen Themen, die
mich in meinem Leben bewegten. Auch wenn man es meinen oft spröden Schriften
nicht ansieht, bin ich im Alltag doch eher ein "fröhlicher Grantler",
was sich in vielen meiner Lieder auch niedergeschlagen hat.
Immer wollte ich auch der Welt - vor allem den
hochnässigen großstädtischen Gschaftlern - beweisen, dass
Lieder nicht provinziell sein müssen, nur weil sie in Mundart verfasst
sind und dass Heimatliebe und Weltoffenheit sehr wohl zusammengehen.
Und dass es auch ein anderes Bayern gibt, jenseits der verbreiteten
Klieschees... - vernünftig und freisinnig!
Portrait Coverinnenseite
"Ausgewählte Hirnbatzl" 2000
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