1.3.07 Leserbrief an die SZ zu der Debatte über das Grußwort von Ex-RAF-Terroristen Christian Klar

 

 

„Die Einstimmigkeit, mit der sich Vertreter der bürgerlichen Parteien über Christian Klars Grußwort vor Grauen schüttelten, hatte etwas ritushaftes. Dabei ist seine Metapher, dass jedes Land „vom Himmel herab gezüchtet wird“, wenn es sich dem freien Markt widersetzt, leider eine zutreffende Beschreibung der Wirklichkeit. Besser als „Haltet den Beelzebub“ zu rufen, sollte die empörten Parteienvertreter endlich anfangen, den Kapitalismus menschenwürdig zu gestalten: Er muß den Menschen Arbeit geben, von denen sie leben und sicher ihre Familien versorgen können, vor dem Gesetz müssen alle gleich sein und keiner darf sich mit Geld freikaufen können, alle Kinder sollen sich nach ihren Möglichkeiten entwickeln können und nicht nach dem Geldbeutel ausgesiebt werden. Der Kapitalismus muß beweisen, dass er die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren kann, andere Kulturen toleriert und in Frieden sich entwickeln lässt. Wer gegen den Sozialismus ist, muß endlich von seinen Zinserträgen und dem von Maschinen erwirtschafteten Gewinn einen angemessenen Anteil in die Sozialkassen zahlen. Wer aber die Menschen wieder in neue Klassenkämpfe treiben will, der kann so weiterraffen, wie es gegenwärtig geschieht, doch sollte er sich nicht wundern, wenn er die Völker in ihrer Not wieder in den Sozialismus zwingt und irgenwann auch wieder neue Klars schafft.“

 

1989 Sozialismus Ade

Die US-amerikanische Art zu leben sei einem Sauerteig vergleichbar, der selbst den größten Teig durchsetzt, schrieb Brecht einmal in einem reimlosen Gedicht im ersten Drittel des Jahrhunderts.

Die Gegenwart zeigt, daß sich in den sechzig Jahren seither nichts geändert hat. Die ehemals sozialistischen Staaten werfen alle ihre Errungenschaften über Bord, ihrer Bevölkerung kann es dabei gar nicht schnell genug gehen. Auch wenn, zugegeben, ihr sogenannter Sozialismus nur ein Zerrbild der von seinen geistigen Vätern unter der Barbarei des Kapitalismus geträumten Hoffnungen war, so erstaunt mich doch der zu Tage tretende Haß und die Blindheit der Menschen, wie sie in jene Verhältnisse zurückstolpern, die zu verlassen ihre Großeltern einmal alles gegeben haben. Sie wollen keinen neuen, menschlicheren Sozialismus, mit weniger Bürokratie und Partei, weniger Plan und weniger Gängelung. Wie entsetzlich müssen diese Verhältnisse tatsächlich gewesen sein, daß sich die Menschen lieber bedingungslos in die Arme derjenigen werfen, die bekanntermaßen für Geld alles machen. Alles, sagen sie, nur kein neuer Sozialismus! Einen dritten Weg lehnen sie ab, zu groß erscheint ihnen die Gefahr, daß die Planer von gestern wieder erstarken könnten. Erst einmal anständigen Kapitalismus - dann kann man ja weitersehen....

Vielleicht ist es aber gar nicht so sehr das Erstreben vermehrter individueller Freiheit, denn wieviele Menschen bei uns nützen diese schon tatsächlich? (die Menschen laufen eben gerne in der Herde hinter Hammeln her); allgemein wird gemutmaßt, es ginge allein um die Hoffnung auf größeren Konsum, um einen Platz am gefüllten Fleischtopf also, der aber bei uns nur deswegen so gefüllt ist, weil seine Füllung die Überlegenheit des kapitalistischen Systems anzeigen sollte (und weil ein guter Teil der Zutaten in der ganzen Welt zusammengestohlen ist). Ob der Fleischtopf weiterhin so gefüllt bleibt, wenn der Propagandaeffekt nicht mehr nötig ist, die Umwelt daran zugrunde geht und die Armen im Süden einmal aufbegehren, wird sich bald zeigen.

 

Welche Lehren sind zu ziehen? Ist es nun müßig, für die Menschen ein gerechteres Gesellschaftssystem zu erstreben, da sie einfach nicht sozial zu kriegen sind, weil sie nicht gleich sein wollen, weil sie sich in erworbenen Dingen unterscheiden wollen, weil sich stets in einem Ausleseprozeß die schlechten Menschen an die Schalthebeln der Macht drängen, weil jede neue Generation offenbar jeden Fehler selber machen will, weil Egoismus sich scheinbar alleine vermittelt, auf Dauer immer erfolgreich ist, soziales Denken und Verhalten dagegen ein unrealistisch hohes Maß an Einsicht und Feingefühl verlangt...? Wer kann schon durch einen See schwimmen ohne naß zu werden? Grad so ist es aber mit dem Egoistischen, also dem Bösen. Doch wie soll man einen See trockenlegen, wenn er von sovielen Quellen und Sümpfen gespeist wird? Die Lage erscheint hoffnungslos.Mit Luwig Hohl möchte ich sagen: Die Menschen ändern sich nicht. Wenige doch. Die andern: Laß!