Die Befreiung

In seinen ersten Berufsjahren setzte Herr Pfifkas alles daran jene Dinge zu erwerben, die laut Werbung, das Glück des Menschen ausmachen. Mit harter Arbeit und vielen Überstunden eroberte er sich, was ihn als Wohlstandsbürger auszeichnete. In seiner Garage stand ein rasantes Automobil, ein Farbfernseher mit Videorecorder, eine Stereoanlage mit allen Schikanen, eine Waschmaschine, eine Kühltruhe und auch eine Geschirrspülmaschine. Merkwürdigerweise wollte sich das erwartete Glücksgefühl dennoch nicht einstellen. Immer häufiger wurde Herrn Pfifkas das krasse Miss­verhältnis zwischen seiner nervenden Arbeit - aus der er neben Geld große Müdigkeit und diverse Leiden be­zog - und dem schalen Glück des Kaufens bewusst. War er in der Arbeit, sehnte er das Wochenende her­bei, war dieses dann da, lebte er in Angst vor dem Montag. "Ein Leben in den Pausen! Soll das wirklich alles sein?"

Dazu kam, dass die teueren Waren nicht die in der Werbung versprochene Freiheit brachten, sondern weitere Sorgen. Das rasante Auto begann bald zu ro­sten und musste wegen diesem und jenem Schaden in die Werkstatt. An den Möbeln wellte sich das Furnier und manches Stuhlbein begann zu wackeln. Die Waschmaschine streikte, der Fernseher flimmerte und in der Stereoanlage ließen sich einige Tasten nicht mehr bewegen.

Herr Pfifkas fühlte sich bald wie ein Sklave der vielen Geräte. Sie hatten ihm keine Freiheit gebracht, son­dern nur neue Verpflichtungen. Zudem spürte er seine wachsende Abhängigkeit von ihnen. Ohne Auto kam er sich nur wie ein halber Mensch vor. Streikte gar der Fernseher, fühlte er sich allein und unglücklich und wusste mit seiner Freizeit nichts mehr anzufangen.

Auch das reichliche Essen, das sich Herr Pfifkas lei­stete, hatte seine Nebenwirkungen. An Hüften und Bauch setzte sich Speck an, die Zähne verlangten ständige Reparatur, Aufregung und Anstrengung er­zeugten Kurzatmigkeit und Herzrasen und in den Ge­lenken und dem Kreuz begann es immer öfter zu ste­chen und zu ziehen.

"Da kann doch irgendetwas nicht stimmen", fluchte Herr Pfifkas immer öfter. "Tagsüber ärgere ich mich mit der schwachsinnigen Arbeit in der Fabrik herum und abends mit dem Krempel, den ich mir für den Schweiß erstotterte. Nebenbei getraue ich mir wegen der vielen Schulden nicht mehr den Mund aufzuma­chen, um ja die Arbeit nicht zu verlieren. Von der schönen Zeit, die ich wegen meiner Wehwehchen bei den Ärzten verplempere, will ich gar nicht reden! Was bin ich doch für ein Narr!"

 

Es fehlte nicht viel und der so teuer erworbene Krem­pel wäre auf den Sperrmüll geflogen, um endlich wie­der frei atmen zu können. Doch Herr Pfifkas besann sich und verkaufte seine Habe nach und nach und tilg­te mit dem Erlös die restlichen Bankkredite.

Mit jedem Stück, von dem er sich trennte, fiel ihm eine Last von der Seele. Beflügelt überprüfte er seine Ausgaben und verzichtete auf das Überflüssige. "Was ich nicht aus­gebe, brauche ich auch nicht verdienen!" sagte er je­dem, der ihn wegen seines sonderbaren Verhaltens an­sprach.

Schließlich kündigte er seine stumpfsinnige Arbeit und fuhr mit dem Fahrrad einige Monate durch die Welt. Nach seiner Rückkehr setzte er sich wieder auf die Schulbank, um einen Beruf zu erlernen, den er für sinnvoll hielt. Denn das hatte Herr Pfifkas begriffen: wer sich in seiner Arbeit wohlfühlt, braucht das Glück nicht in den Kaufhäusern zu suchen!